1945-1971

Das Mozartorchester nach dem Ende des 2. Weltkrieges bis etwa 1971

Dieser Zeitabschnitt wird insbesondere durch die Persönlichkeit von Herrn Kapellmeister Erich Schneider und seiner Tätigkeit als Kantor der Martin-Luther-Kirche in Dresden-Neustadt geprägt. Einzelheiten sind in der bereits oben genannten Diplomarbeit und in der Festschrift zum 90jährigen Bestehen des Mozartorchesters beschrieben.

Die Zerstörung Dresdens und die Folgen des Krieges haben auch im Mozart-Verein tiefe Spuren hinterlassen: Das Vereinshaus in der Innenstadt war zerstört, ein Teil der Mitglieder über die ganze Welt verstreut, der umfangreiche Notenbestand vernichtet oder unauffindbar.

Erich Schneider war zunächst in französischer Kriegsgefangenschaft, er wurde noch in den letzten Kriegstagen zum Wehrdienst eingezogen und geriet dadurch in Gefangenschaft.

Es grenzt beinahe an ein Wunder, dass die in Dresden verbliebenen ehemaligen Mitglieder des Vereins auf Initiative des Cellisten G. Heinrich einen Neuanfang wagten und schon im Sommer 1945 wieder mit der Probenarbeit begannen. So konnte bereits am 10. November 1945 in der Heilig-Geist-Kirche zu Dresden Blasewitz das erste Konzert nach Kriegsende mit der Bach Kantate „Aus tiefer Not schrei ich zu dir” und der C-Dur-Messe von Beethoven stattfinden.

Glücklicherweise kehrte Erich Schneider im Frühjahr 1946 nach Dresden zurück und konnte die künstlerische Leitung des Vereins wieder übernehmen. Das 50jährige Vereinsjubiläum wurde im Herbst 1946 mit drei recht anspruchsvollen Sinfoniekonzerten begangen. Nachdem aber in der sowjetischen Besatzungszone bzw. in der späteren DDR eine Vereinstätigkeit grundsätzlich verboten war, waren dies auch die letzten Sinfoniekonzerte, die der Mozart- Verein als solcher veranstaltete. Im Sinne des alten Vereins arbeitete man anschließend weiter, trat aber als eine private Laienmusikvereinigung unter dem Namen „Mozartorchester” in der Öffentlichkeit auf. Infolge fehlender Mitgliederbeiträge und durch den Wegfall von Sponsoren gab es jedoch keine finanzielle Basis mehr für die Organisation größerer Konzerte. Immerhin kamen in den Folgejahren bis 1960 einige Serenaden in Pillnitz und in dem wieder aufgebauten Zwinger mit namhaften Solisten wie z.B. Prof. Schütte, Klarinette, und Prof. Lucke, Violine, zustande. Lediglich 1956 gab es ein größeres Konzert, für das Prof. Willibald Roth, Konzertmeister der Staatskapelle, als Solist mit dem Mozartorchester die berühmten drei Violinkonzerte von Bach, Beethoven und Brahms einstudierte und diese dann im Steinsaal des Deutschen Hygienemuseum an einem Abend zur Aufführung brachte.

Erich Schneider war zugleich künstlerischer Leiter mehrerer Chorvereinigungen (Dresdner Liedertafel, Männerchor Orpheus, Römhild Domchor). Diese Chöre hatten ähnliche Probleme wie das Mozartorchester. So nutzte er die Situation im Rahmen seiner Kantorentätigkeit an der Martin Luther Kirche, indem er die genannten Chöre mit dem Mozartorchester für die Einstudierung großer kirchenmusikalischer Werke zu einem einheitlichen Klangkörper zusammenführte. Es erklangen dann in den Jahren von 1959 bis 1964 mehrfach Mozarts c-Moll Messe, Mozarts Requiem, das Requiem von A. Dvorak, Frank Martins „Golgatha” und ebenfalls von Frank Martin „In Terra Pax”. Die Aufführung von „Golgatha” war zugleich eine Erstaufführung in der DDR und erregte allgemeines Aufsehen. Bei der Einstudierung dieser Werke wurde das Mozartorchester, abgesehen von den erforderlichen Aushilfen für die Bläser, auch durch erfahrenen Berufsmusiker in den Streichern unterstützt. Für die Gesangssolisten engagierte Schneider meist bekannte Persönlichkeiten, wie z.B. Ruth Keplinger, Sonja Schöner, Peter Schreier, Fred Teschler, um nur einige Namen zu nennen. Die Kirchenkonzerte fanden beim Publikum eine breite Resonanz und waren in der Regel ausverkauft.

Mit einer Aufführung von Mozarts c-Moll Messe am 12.04.1964 in der Martin-Luther-Kirche endete zugleich die Tätigkeit von Erich Schneider als Kirchenmusiker.

F. Martin: In terra pax
F. Martin: Golgatha
Abschiedskonzert E. Schneider

In den Jahren danach bis 1970 gab es vom Orchester infolge fehlender Finanzmittel zunächst keine nennenswerten Aktivitäten. Jedoch arbeitete man zielstrebig auf das 75-jährige Vereinsjubiläum hin, das gleichzeitig das 50-jährige Jubiläum von Erich Schneider als künstlerischer Leiter des Mozartorchesters war. Es war Anlass genug, ein umfangreicheres Konzert zu gestalten. Dieses fand dann am 14.11.1971 im Steinsaal des Hygiene-Museums mit folgendem Programm statt: Mitscherlich „Festmusik in F-Dur”, Mozart „Konzert für Harfe und Flöte” KV 299 (Solisten: Jutta Zoff, Immanuel Lucchesi), Arie für Bass und Solokontrabass „Per questa bella mano” KV 612 (Solisten: Rolf Wollrad, Bass; Prof. Heinz Herrmann, Kontrabass) sowie die Sinfonie in g-Moll, KV 550. Eine Art „Festansprache” wurde von dem bekannten Dresdner Musikkritiker Gottfried Schmiedel gehalten.

Zwischenzeitlich hatte sich die Situation des Mozartorchesters insofern konsolidiert, als im Jahre 1970 der Betrieb „Großforschungszentrum Chemieanlagen Dresden” die Patenschaft für das Orchester übernahm. Damit wurde dem Orchester ein Proberaum kostenlos zur Verfügung gestellt und für die Vorhaben des Orchesters finanzielle Unterstützung gewährt. So fand unter der Firmherrschaft dieses Betriebes im Gobelin-Saal der Gemäldegalerie im Oktober 1970 ein Konzert aus Anlass des 200. Geburtstages Ludwig van Beethovens mit unbekannteren Werken dieses Meisters, u.a. mit der „Musik zu einem Ritterballett” statt. Verschiedene Solisten der Dresdner Staatskapelle wirkten mit.